Carlos Ferrer

Friede, ja, aber welchen?

Regenbogen und Tauben (Foto: Bernd Sieker): Von Flickr unter CC Lizenz, https://www.flickr.com/photos/pink_dispatcher/293252447/

Nicht über Abkürzungen oder Hokus Pokus kommen wir zum Heil, zum Brot, zur Sicherheit oder zum Weltfrieden.

Predigt am 6. März 2022, ref. Kirche Zuchwil Texte Hiob 2 und Matthäus 4.
Carlos Ferrer,
Mancher Schmerz ist so gross, dass wir jemanden ausserhalb unserer Selbst dafür verantwortlich machen müssen. Manche Ereignisse greifen und schneiden so tief, dass wir nicht mit ihnen fertig werden. Ereignisse, die uns schlucken vermögen. Erdbeben, Waldbrände, Massenentlassungen, der Verlust der eigenen vier Wände, plötzlich auf der Strasse stehen und nicht weiter wissen. Ereignisse, so gross, dass die eigene Muskelkraft und die, der Familie, Freund- und Nachbarschaft nicht mehr ausreichen, um das Unheil auszugleichen.

Manches menschliche Unglück reisst die Pforten des Himmels weit auf, wir hoffen auf Engel, Mächte und Prinzipien die eingreifen werden um dem unsagbar Schmerzenden ein Ende zu machen. Manches Menschenverursachte ist so schlimm, dass uns scheint, die Hölle reisst ihr Maul auf. Die Dämonen wüten auf der Erde , um das zu zerstören was bis vor kurzem zum vertrauten Alltag gehörte.

Man sagt, wenn das Unglück uns hart trifft, werden Menschen gläubig. Man sagt in den Schützengräben wären keine Atheisten und in den belagerten Stätten, den Ghettos und Konzentrationslagern dieser Welt sei Gott entweder Tot oder taub für das Flehen der Menschen.

Wenn uns das Unglück überholt werden die Worte "wie lange noch?" unsere Gebete prägen, wenn wir dann überhaupt zum Gebet fähig sind. "Wie lange noch?" finden wir im jedem Klagepsalm der Bibel. Sie geben dem Erlebnis Stimme, unsere Gefühle und Gemüt tragen sie, hinunter bis in die Unterwelt, wo sogar Gott nicht mehr zu finden ist, werden sie gebetet und sogar auf dem Kreuz. Dort zusammen mit "eli, eli, lamma sabachthani", "mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen". Sie sind die Worte unserer tiefsten Verzweiflung.

Die biblischen Erzählungen sind voller solcher Momente der Verzweiflung. Die Bibel ist untypisch unter den Schriften der Religionen, in dem sie keine wahren Helden hat, die vor Gott oder Menschen bestehen können. Abraham war bereit seine Frau an den Pharao zu geben, aus Angst. Er war bereit, die ältesten beiden Söhne zu Opfern. Moses zerstörte die von Gott geschriebenen Steintafeln des Bundes, schaffte es nicht einmal ins verheissene Land. König David, der Idealkönig liess seinen Elitesoldaten umkommen, um dessen Frau heiraten zu können. Elia verzweifelte in der Wüste nach 40 Tagen und wünschte sich den Tod, weil er das Gottvertrauen verlor.

Ich bin mir sicher, in jüdischer Bibelauslegung, werden die Fehler der biblischen Heldinnen und Helden noch schonungsloser und exakter behandelt, als ich das gerade tat. Pointe ist, die Bibel ist kein Produkt eines heldenhaft kriegerischen Volkes, auch das Neue Testament nicht. Die Menschen, die die Bibel schrieben, waren unterdrückt, in Gefahr im Völkermeer unterzugehen und mit ihnen alles Wissen und ihrem Glauben an Gott, einzig unter Göttern, der Himmel und Erde schuf und gütig und voller Erbarmen ist. Die heiligen Schriften solcher Völker sind keine Heldengeschichten, keine kriegerischen Prahlereien sondern ein in sich hinein blicken um näher zu Gott und solidarischer zu den Unterdrückten dieser Welt zu kommen.

Also warten wir vergebens darauf, dass die drei Freunde Hiobs die richtigen Worte des Trostes finden, da wo Hiob alles verloren hat, bis auf seine verbitterte Frau. Wir warten vergebens darauf, dass Jesus aus Nazareth, den wir Christus nennen, aus Steinen Brot macht, oder vom Kreuz herunter steigt, oder Herr dieser Welt mit all seinen Machtstrukturen und Armeen und Prinzipien wird. Vergebens warten wir und hoffen darauf, dass ER, Jesus der Christ einen neuen römischen (oder anders genannten) Frieden schafft, in dem er die Herrscher dieser Welt ablöst. Das ist nicht im Drehbuch. Das gibt es nicht. Unsere Bibel, unsere Erfahrung weiss besseres, verschiebt das ins Unendliche, ins Jenseitige, in die Zeit des Reiches Gottes, in den Himmel, wo Gott alles in allem ist.

Frieden wird nicht sein, wo wir uns die Macht, wie auch immer sie heisst, herbeiwünschen. Nicht die Macht der Römer, nicht die Macht der Ottomanen, nicht die Macht der heutigen Grossmächte, nicht die Macht der atomaren Abschreckung. Es gibt nur eine Macht, die es wert ist, unsere Beachtung zu geniessen. In Jesu Gleichnissen wird sie die Macht des Senfkorns genannt, oder des Weizens oder des gepflegten Weingartens genannt. Es ist die Macht der Schöpfung, wo Gott neues herbeiruft. Es ist die Macht unsere Arbeit als Gärtnerinnen und Gärtner dieser Erde. Es ist das Wirken derer, die sich um die Schöpfung, um den Frieden und um die Gerechtigkeit sorgen. Es ist also die Macht eines unterdrückten Volkes, welches angesichts jeglicher ausgeübter Brutalität trotzdem stand hält und so Gottes Ebenbild darstellt. So ist die Macht Gottes in dieser Welt.

Konkret heisst das: Siehe die Armen in deinen Städten, siehe die Weisen, die Ausländer, die Witwen, die Ausgegrenzten und die Kranken, Verletzten, die, die wegen ihrem Anders sein keine Chancen bekommen, die, die wegen ihres Glaubens verpönt werden oder wegen ihrer Sprache missverstanden werden. All solche sind der Lackmustest deines Glaubens. Wenn DU nicht zu IHNEN stehst, reicht dein Glaube zu kurz. Wenn du solche nicht als deine Geschwister aufnimmst, ist dein Bekenntnis hohl.

Ich sage es noch einmal, deutlich: nicht über Abkürzungen oder Hokus Pokus kommen wir zum Heil, zum Brot, zur Sicherheit oder zum Weltfrieden. Nur in dem wir Frieden üben, Gerecht handeln und zu allen Lebewesen und mit der Natur solidarisch stehen, nur dann merken wir, wir bewegen uns im Reiche Gottes, in der Machsphäre des Heils.

Es wird immer Menschen und menschliche Strukturen geben, die sich an anderen vergehen werden. Das ist das, was unsere Bibel die Sünde nennt. Es ist das, was im Bruch aller Beziehungen zwischen Menschen und mit der Schöpfung deutlich wird:

Das Wort Sünde, als Präfix sonder (Sonderstatus) - ist ein Wort welches einen Riss oder Bruch kommunizieren möchte. Dagegen steht nicht das Wort "ohne Sünde" sondern das Wort heil, ganz, ein. Zusammen, in einem, gehalten in Gerechtigkeit und dem Miteinander, welches die Bibel Liebe nennt, aber auch Gnade. Die Bibel weiss, solches ist ausserhalb unseres Könnens. Die Bibel hofft auf einen Messias, einen Gesalbten welcher uns zu solchem Leben zusammenführt. Erstens und letztens ist es unsere Aufgabe, besonders angesichts der Unmöglichkeit der Aufgabe, für diesen Frieden, für diese Gerechtigkeit und für diese Liebe unter den Menschen und in der Schöpfung zu arbeiten.

Manche Ereignisse sind so gross, dass wir mit ihnen nicht mehr klarkommen. Wir stehen ohne Waffen und ohne Rat da. Wir sind ohnmächtig, ohne Macht. Irgendwann müssen wir reagieren. Ob wir dann zu den Waffen greifen oder versuchen uns in Sicherheit zu bringen, ob wir sichere Orte schaffen oder den Kampf der Anderen ermöglichen, solches will geplant werden, solches will rechtzeitig vorbereitet sein, um schlimmeres zu vermeiden.

Was wir jetzt tun können und was jetzt von uns verlangt wird ist Gutes aus Schlechtem zu machen. Menschen aufzunehmen, ihre Tränen trocknen und unser Brot mit ihnen teilen. Sie in Sicherheit zu bringen und ihnen helfen, ihre Geliebten wieder zu finden. Konkret ist jetzt die Zeit, die Organe zu unterstützen, die den Flüchtenden ein Dach über den Kopf, etwas Warmes in den Bauch und eine Zukunft in Sicherheit geben können. Unter ihnen sind das Flüchtlingshilfswerk der UNO und das Internationale Rote Kreuz.

Dann sind es unsere eigene Kirchen, Kommunen, Kantone und der Bund, die wir zu ermutigen haben, nein, von den wir verlangen müssen, Flüchtende zu schützen. Schliesslich ist es unsere Pflicht, uns für sie einzusetzen, sei es durch Gebet oder durch Akte der Menschlichkeit.

Manche Ereignisse sind so gross, dass wir unserer Ohnmacht das letzte Wort nicht lassen dürfen. Manchmal müssen wir uns über unseren Schock hinwegsetzen, dürfen uns der Starre, der Angst, der Trauer und der Hoffnungslosigkeit nicht preisgeben. Wir müssen, als Erwachsene, erfahrene Menschen reagieren, nach besten Wissen und Wollen. Wenn wir uns also Ohnmächtig finden, lasst uns zusammenrücken, dazu ist die Herde da. Lasst uns Widerstand leisten, wo es angebracht ist. Sprechen wir laut und deutlich. Spenden wir dort, wo es etwas ausmacht. Packen wir an, wo wir wissen, dass es ankommt. Trösten wir wo es uns braucht. Lasst uns unsere Wut und unsere Empörung aussprechen, da wo wir gehört werden.

Zusammen finden wir Wege und Hoffnung, Glaube und Liebe um jede Katastrophe abzuwenden, oder zumindest zu dämpfen und mildern. Amen
Bereitgestellt: 09.03.2022     Besuche: 53 Monat 
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